Schwarz

Ich öffne meine Augen und blicke hinaus in die vollkommene Dunkelheit, die mich umgibt. Etwas hat meinen Schlaf gestört. Was genau es war, das vermag ich nicht zu sagen. Irgendetwas dort draußen ruft nach mir, zieht mich zu sich.

Ich sinke nieder und versuche, wieder einzuschlafen. Ich sehne mich nach der Stille, der Betäubung des Schlafes, will hinab sinken in die Bewusstlosigkeit und dort für immer bleiben. Rastlos wälze ich mich hin und her, bereit die Dunkelheit in meinen Kopf einzulassen damit sie alle Gedanken verdrängt und mein ganzes Bewusstsein ausfüllt, doch es gelingt mir nicht.

Träume ich etwa? Ich hasse Träume. Sie dringen in mich ein und nehmen mir die Ruhe, nach der ich mich so sehr sehne. Formlose Gestalten und nicht zu greifende Eindrücke prasseln auf mich nieder, rauben mir die Vernunft und schreien mich ohne Worte an, ich weiss nicht was sie mir sagen wollen. Mit aller Kraft will ich sie abwehren, ignorieren, verdrängen und vernichten. Doch sie kommen immer wieder, immer wieder.

Angestrengt horche ich in die Stille. Nichts ist dort, absolut nichts, und doch klingt die Stille in meinen Ohren. Sie schaukelt sich auf, verdichtet sich zu einem anschwellenden Ton und dröhnt schließlich betäubend in meinem Kopf. Wo kommt er her, dieser unfassbare Lärm? Ich presse mir die Hände an die Schläfen, will alle Geräusche mit schierer Kraft herausdrücken und ausmerzen, auf dass endlich wieder Ruhe einkehrt. Es macht mich wahnsinnig.

Schließlich schreite ich laut auf, lasse der Raserei freien Lauf und schleudere meine Wut in die Schwärze hinaus. Ich kann mich selbst dabei nicht hören, noch immer übertönt die kreischende Stille alles andere, sie lässt meinen Schmerz nicht zu, verschluckt ihn einfach als wäre er nicht da. Doch ich höre das Echo, das meinen Schrei tausendfach gespiegelt und zersplittert auf mich zurückwirft, ein grotesker Chor meiner eigenen Stimmen der sich gewaltvoll in die bedrohliche Symphonie der Nichtigkeit einreiht. Ich selbst, verzerrt und fast zur Unkenntlichkeit verfremdet, schreie mich aus zahllosen Kehlen an.

„WAS? WAS?“

„NICHTS! ABSOLUT NICHTS!“

Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen. Nichts existiert hier außer mir selbst. Ich bin mein einziger Anhaltspunkt, das Zentrum der Schwärze, ihr dunkelster Punkt. Ein schauriger Ekel erfüllt mich, ich verachte mich selbst und diese ewige Dunkelheit, an der ich mich verkrieche und einhülle, als wäre sie ein Schutz, doch sie ist nichts.

Plötzlich bin ich auf den Beinen und renne los, geradeaus in das übermächtige Schwarz des Raums hinaus, weg von mir selbst, weg von all dem Getöse und weg von allem. Ich suche das Nichts, doch kann es nicht finden, noch immer bin ich hier, noch immer der Lärm und die Dunkelheit und die Stille. Was mache ich eigentlich hier? wieso bin ich in dieser sinnlosen Hölle der Existenz gelandet?

Inmitten dieses wahnsinnigen Strudels blitzt auf einmal etwas auf. Ich erkenne vor mir einen Lichtpunkt, der leise flackernd ein beruhigendes Summen ausstrahlt. Mein Blick verengt sich auf diesen Punkt und fokussiert das unscharfe Flimmern. Nähere ich mich? Da taucht ein zweiter Punkt auf, bald ein dritter und immer mehr Lichter funkeln traurig in der Dunkelheit. Ich bleibe stehen.

Vor mir erstreckt sich ein endloses Meer von schimmernden Lichtern. Ich stehe an einer Klippe, kann den Boden unter meinen Füßen spüren, doch nur einen Schritt weiter beginnt das leuchtende Gewebe einsamer Sterne. Ich blicke ehrfurchtsvoll in den Abgrund des Weltalls, dessen unermessliche Weite sich bis in die hinterste Ecke meiner Gehirnwindungen ausbreitet. Was dort vor mir liegt, ist zugleich alles und nichts.

Eine seltsame Faszination ergreift mich. Ein weiterer Schritt – und dann?

Ich beuge mich vor, um eine Blick in die Tiefe zu wagen. Meine Hände krallen sich an die Kante, suchen verängstigt nach Halt im Angesicht des unendlichen Raumes. Langsam senke ich meinen Kopf immer weiter, hinein in die Leere, sehnsüchtig angezogen von ihrer betörenden Stille und Schönheit. Vielleicht ist es das, was ich so lange schon suche.

Hast du mich gerufen? Mit Tränen in den Augen starre ich in den Himmel unter mir, dessen Sterne mir so vielsagend entgegenstrahlen. Etwas ist dort, ich spüre es genau. Verzweifelt will ich es erkennen, suche nach Formen und Linien im Muster der Lichter, suche einen Sinn in all dem zu entdecken. Mein Hals streckt sich, meine Augen weiten sich, ich beuge mich nieder, andächtig wie ein Betender, versinke in der Betrachtung des verlockenden Anblicks. Umso tiefer ich sinke, desto klarer scheint das Bild im Abgrund sich formen. Ich meine schon etwas zu erkennen, doch ich fürchte mich davor den Halt zu verlieren, ich muss es wissen und will mich doch nicht hineinstürzen. Noch ein bisschen weiter, und da erkenne ich es: mein eigenes Gesicht blickt mir aus dem Abgrund entgegen.

Blankes Entsetzen jagt mir durch die Glieder und friert meinen Körper ein, panische Angst packt mich und drängt zur Flucht, doch ich kann mich nicht bewegen. Wie gebannt starre ich meinem Spiegelbild in die Augen, es starrt mich an, ich kann den Blick nicht abwenden. Ein fürchterlicher Sturm des Grauens flutet meinen Kopf und betäubt mir die Sinne, alles was ich noch wahrnehme sind diese Augen, meine Augen, die Augen dort unten. Sie ziehen mich an, zerren mein Bewusstsein in die Schwärze ihrer Pupillen, die sich weiten und mein Sichtfeld auffressen, bis alles schwarz ist. Ich falle.

Mit einem scharfen Knall schlage ich auf der Oberfläche ein und bin schon im nächsten Moment vollständig untergetaucht. Ich schwebe in der warmen Flüssigkeit die mich umgibt, mein Körper scheint sein Gewicht verloren zu haben. Ich fühle mich leicht und wohlig geborgen. Ich weiß nicht mehr, wo die Oberfläche ist; alles ist wieder dunkel um mich herum, oben und unten ist bedeutungslos geworden, Position ist absolut relativ. Sinke ich oder steige ich auf? Wohin?

Der Anblick meiner Gesichtszüge hat sich auf meiner Netzhaut eingebrannt, ich sehe in klar vor meinem inneren Auge. Langsam verschwimmt das Bild immer mehr, es zerfließt in ein Muster aus Linien und Flächen, bildet neue Formen und Konturen. Alles strebt auseinander, immer fort vom Mittelpunkt meines Sichtfeldes. Fragmente meines Spiegelbildes funkeln umher und verteilen sich in meinem Bewusstsein.

Formlosigkeit ist Frieden.

Ich lasse mich selbst gehen.

Es war schön mit dir.

Hier, in der Geborgenheit meines eigenen Bauchraums, kann ich endlich sein – ohne ich selbst sein zu müssen.